Es ist Bewegung in der deutschen Carsharing-Branche: 2009 wuchs die Zahl der bundesweiten Nutzer um 15,3 Prozent auf knapp 160.000 – Tendenz stark steigend, wie eine Studie prognostiziert. Jetzt entdecken Automobilkonzerne das alternative Mobilitätangebot als ideale Werbung. Nach einer Pilotphase in Ulm will Daimlertochter “car2go” ihr Angebot in deutschen Ballungsräumen platzieren. Doch die Konkurrenz ist schon da.
Im Mai startete mit dem Verleihservice “Mu by Peugeot” in Berlin ein weiterer Hersteller ein Carsharing-Angebot in abgewandelter Form. Erste Besonderheit: Kunden zahlen vorab wie beim Prepaid-Mobilfunkvertrag. Nach dem Kauf von virtuellen Mobilitätspunkten kann das Wunsch-Fahrzeug bei einem von vier Händlerstandorten abgeholt und genutzt werden. Zweite Besonderheit: Für 5 bis 120 Euro pro Tag gibt es eine Auswahl vom Fahrrad über Motorroller und Sportwagen bis zum Transporter zu leihen.
Nach den ersten drei Monaten sei man mit der Nachfrage des mit 40 Pkw relativ kleinen Fuhrparks zufrieden, sagt Sprecher Oliver Kurz. So zufrieden, das noch in der zweiten Jahreshälfte das Angebot auf Städte wie Hamburg oder München ausgeweitet werden soll. Kurz lobt besonders die Möglichkeit, durch das Angebot die unterschiedlichsten Peugeot-Modelle im Alltag zu testen. “Wir haben sogar den neuen Sportwagen RCZ im Programm”, ergänzt er. Ab Ende des Jahres sollen Kunden der Mischform aus Autovermietung und Carsharing erstmals auch das vom Konzern entwickelte Elektroauto Ion ausleihen können.
Unterschiedliche Modelle im Alltag testen
Elektroautos anderer Hersteller können Kunden schon heute beim nach eigenen Angaben bundesweit größten Carsharing-Anbieter testen. 1.200 Fahrzeuge hat das jüngst in Flinkster umbenannten Angebot der Deutschen Bahn insgesamt, 35 davon sind Elektromodelle. “Unser Ziel ist, dass zehn Prozent unserer Kunden CO2-frei unterwegs seien können”, sagt Rolf Lübke, Geschäftsführer der DB Rent GmbH.
Da die Zahl der bundesweiten Car-Sharing-Nutzer jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich zulegt, glaubt er fest an ein kontinuierliches Wachstum des Marktes. Die im Februar veröffentlichte, ausgesprochen positive Prognose der weltweit tätigen Unternehmensberatung Frost & Sullivan hält Branchenkenner Lübke für “realistisch”.
Die Studie ergab, dass sich die Zahl der Nutzer in Deutschland in den kommenden fünf Jahren von aktuell etwa 160.000 auf 1,1 Millionen mehr als versechsfachen könnte. Schon jetzt sei Deutschland der größte Car-Sharing-Markt Europas, heißt es weiter. Ein Markt, der auch nach Ansicht der Unternehmensberater künftig von Konzernen aufgerollt werden könnte. “Währenddessen rüsten Automobilhersteller gegen die unvermeidliche Bedrohung durch Car-Sharing-Initiativen, indem sie sich zu Service-Anbietern entwickeln”, beschreibt das Papier von Frost & Sullivan dieses Szenario.
Deutschland als größter Car-Sharing-Markt
Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverbands Carsharing, beobachtet die Bemühungen von Peugeot und Daimler wohlwollend. “Wir sind über jeden froh, der das Konzept marktfähig macht”, sagt er. “Am Ende entscheiden ohnehin einzig die betriebswirtschaftliche Zahlen über die Fortführung oder Einstellung dieser Ansätze.” Negativbeispiel aus der Vergangenheit sei der Konzern Shell, der sich 2006 nach drei Jahren Testphase aus dem Markt zurückgezogen und die eigens gegründete Firma Shell-Drive an den niederländischen Konkurrenten Greenwheels verkauft hatte.
Daimler-Tochter “car2go” ist hingegen auf Wachstumskurs. Nachdem von März 2009 bis heute allein in Ulm rund 19.500 Mitglieder geworben wurden, will das Unternehmen in Kürze weiter expandieren. “Wir wollen auf den Markt”, betont Sprecher Andreas Leo, “auch weil wir sehen, dass man neben dem Werbeeffekt damit Geld verdienen kann.” Wie viel will er nicht sagen.
Bis Ende 2010 soll die Zahl der Fahrzeuge von 200 auf 300 erhöht und die Dienstleistung auf eine Stadt mit “mehr als 500.000 Einwohnern” übertragen werden. Das muss keine europäische Stadt sein. Parallel testet “car2go” sein Geschäftsmodell schon im texanischen Austin.
Info – Klares Prinzip
Der Begriff Carsharing bezeichnet die durch ein Unternehmen organisierte gemeinschaftliche Nutzung eines oder mehrerer Autos. Nach verschiedenen Pilotprojekten in den 60er und 70 er Jahren in Frankreich und den Niederlanden starteten mehrere kleinere Firmen mit dem bis heute lediglich verfeinerten Geschäftsmodell: registrierte Kunden nutzen ein öffentlich zugängliches Fahrzeug gemeinsam. Abgerechnet wird wahlweise per Pauschale, Dauer und oder gefahrenen Kilometern.