Die Bahn besetzt die Zukunftsmärkte der Autobranche in Deutschland: Der Schienenkonzern baut zurzeit die größte Flotte von Elektroautos bundesweit auf und integriert sie in sein Carsharing-Angebot
“Wir wollen in einem Jahr zehn Prozent unserer Leihwagen elektrisch betreiben”, sagte Rolf Lübke, Chef des Automobilfuhrparks der Bahn, der FTD. Derzeit bietet das Unternehmen 2000 Fahrzeuge zur Kurzzeitmiete an, die Zahl steigt ständig.
Zeitgleich mit der Elektro-Offensive sichert die Bahn ihre Dominanz im stark wachsenden Carsharing-Markt gegen Vorstöße der Autohersteller ab. So verhandelt der Konzern nach Lübkes Angaben mit Daimler und Peugeot darüber, dass die beiden Autobauer ihre neuen Leihangebote Car2go und Mü in das Carsharing-System der Bahn integrieren. Damit könnte sie verhindern, dass Car2go und Mü zu ernsthaften Rivalen ihrer Carsharing-Marke Flinkster werden.
Beim Carsharing melden sich Kunden dauerhaft an und können in ihrer Nähe stundenweise Autos buchen. Anders als Autovermietungen setzt das System Anreize für möglichst kurze Mietzeiträume.
E-Autos wie Carsharing gelten als Schlüsselelemente künftiger Mobilitätsangebote. Die Autohersteller reagieren auf beide Trends, indem sie E-Autos bauen – und indem sie sich teils selbst von Produzenten zu Anbietern ganzer Mobilitätsketten wandeln wollen. Die Bahn hat bei der Umsetzung dieses Konzepts in Deutschland als Betreiberin von Zügen, Bussen und herkömmlicher wie auch elektrischer Carsharing-Autos aber einen deutlichen Vorsprung – den sie nun ausbaut.
Im Gegensatz zu den Absätzen der Hersteller und zum Geschäft der Autovermieter boomt Carsharing seit Jahren: Die Kurzzeitmiete ist zwar noch ein Nischenmarkt mit weniger als 100 Mio. Euro Umsatz und 170.000 Nutzern. Laut der Beratungsfirma Frost & Sullivan dürfte sich die Zahl der Carsharer bis 2016 aber auf fast 1,2 Millionen versiebenfachen. Sollte der Trend stärker politisch unterstützt werden als bisher, könnten es sogar 2,1 Millionen sein. Gestützt wird das Wachstum dadurch, dass junge Großstädter oft kein Auto mehr besitzen. Zudem nutzen Firmen die Angebote zunehmend, um eine Bedarfsreserve an Fahrzeugen zu haben.
Lübke, der mit der Bahn-Autoflotte insgesamt rund 300 Mio. Euro Umsatz verantwortet, bezifferte den Erlös des eigenen Mietangebots auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Mit bis zu zehn Prozent Rendite sei es “hoch profitabel”.
Der Ausbau der E-Auto-Flotte der Bahn wird durch Fördergelder der Bundesregierung begünstigt: “Wir wollen möglichst viel fördern lassen, bevor die Mittel aus dem Konjunkturpaket weg sind”, sagte Lübke. Die Gelder finanzieren etwa die Hälfte der Kosten von 25.000 Euro, die zum Beispiel für die Umrüstung eines Citroën C1 auf Batteriebetrieb anfallen.
Wo das Problem für die Bahn liegt
Die geringe Reichweite der Autos von teils nur gut 100 Kilometern stört die Bahn nicht, da die Fahrzeuge nur zur Verlängerung von Reisen in Ballungsräumen dienen sollen. Längere Strecken sollen die Kunden mit dem Zug zurücklegen. Für die Bahn haben die E-Autos noch einen Vorteil: Der Strom kommt günstig vom eigenen Versorger DB Energie.
Für die Autobauer ist die Kooperation mit der Bahn dagegen zweischneidig. Einerseits hoffen sie, künftige Kunden von ihren Batterieautos zu überzeugen. Die bei Flinkster eingesetzten Elektro- und Hybridvarianten des BMW Mini, Mercedes Smart, Toyota Prius (plug in), Citroën C1, Peugeot iOn sind noch nicht im Handel, sodass das Carsharing ein willkommener Realitätstest ist. Andererseits machen die Hersteller damit die Bahn in einem Markt noch stärker, den sie als ihren eigenen begreifen. Ein Verbund von Daimler und Peugeot mit der Bahn würde die Ambitionen weiter ausbremsen.
Daimler probiert Car2Go zurzeit in Ulm aus: Hier stehen herkömmliche Smarts überall in der Stadt und können spontan ausgeliehen werden. Von den 170.000 Einwohnern sind schon knapp 20.000 registriert. Demnächst soll das Konzept auch in einer Metropole getestet werden. Peugeot versucht mit Mü ebenfalls, Großstädter an die Marke zu binden. Noch 2010 soll das Leihsystem auch in München und Hamburg starten. Speziell im Segment der E-Autos zeigt der Vermieter Europcar Ambitionen: Die Firma hat bei Renault 500 E-Autos bestellt, die ab Herbst 2011 über Europa verteilt werden.
Bis dahin will die Bahn ihren Vorsprung in Deutschland ausbauen. Bisher zeige sich, dass die E-Autos ebenso robust seien wie normale, so Lübke. Zudem akzeptierten die Kunden, dass die höheren Kosten der Autos zu teureren Gebühren führten.
Die Bahn ist auch in der Schweiz und den Niederlanden ein großer Carsharing-Anbieter. Europaweit verleiht sie gut 4500 Pkw. Zudem vermietet sie unter der Marke Call a Bike insgesamt 6000 Fahrräder.
(Quelle: ftd.de)
